Die Geschichte von Yasna

»Ist heute wieder Schulzeit?«

Yasna (8 Jahre) – geflüchtet aus Eritrea

Yasna ist aufgeregt, heute ist für sie ein großer Tag in der Schule. Sie darf ihren Klassenkameraden von ihrer afrikanischen Heimat Eritrea erzählen, aus der sie mit ihrer Mutter flüchten musste. Yasna besucht eine Willkommensklasse für Flüchtlingskinder und junge Asylbewerber. In ihre Klasse gehen zwölf Kinder aus unterschiedlichsten Ländern, die hier nun so schnell wie möglich Deutsch lernen sollen, damit sie in eine Regelklasse integriert werden können.

Jedem Kind steht das Recht auf Bildung und Chancengleichheit zu, heißt es in der UN-Kinderrechtskonvention, womit auch Flüchtlingskinder und junge Asylsuchende in jenen Ländern, die den Artikeln der Konvention zugestimmt haben, Anspruch auf den uneingeschränkten Zugang zum Bildungswesen des Asyllandes haben. In Deutschland ist Bildung Ländersache, weshalb jedem Bundesland selbst überlassen ist, wie es die Schulbildung von Flüchtlingskindern gestaltet. Willkommensklasse, Sprachklasse, Übergangsklasse, Vorbereitungsklasse – auch die Namen der Lerngruppen für die Sprachanfänger variieren je nach Bundesland, genau wie der Zeitpunkt, ab dem unterrichtet wird. In einigen Bundesländern beginnt die gesetzliche Schulpflicht mit der Ankunft im Land, in anderen erst sechs Monate nach Zuzug der Flüchtlinge.

Die Kinder in Yasnas Klasse kommen aus Eritrea, Ghana, der Ukraine, Nigeria, Serbien, Syrien, aus dem Irak, dem Iran und Pakistan. Alle haben eine ganz eigene Geschichte, eigene Hoffnungen und Vorstellungen davon, wie ihre Zukunft in Deutschland aussehen soll. Alle sprechen andere Sprachen, einige von ihnen kennen nur fremde Schriftzeichen, manche haben bislang noch gar nicht lesen und schreiben gelernt. Viele sind traumatisiert von Krieg oder Flucht.

»Bananenkuuuchen!«, kreischt Yasna laut wie eine Sirene, als sie ins Zimmer stürmt. Die Achtjährige mit dem wilden Lockenkopf und den großen braunen Augen hat eine unübersehbare Freude an bunten Farben: geblümte Hose, rosa Glitzershirt, gelbe Flipflops, rote Schleife im Haar. Mit funkelnden Augen balanciert sie einen rosa Kuchenbehälter und stellt ihn vorsichtig auf ihrem Pult ab: »Von Mama für alle.«

Ich treffe Yasna, ihre Mutter Suna und Friederike, die Lehrerin der Willkommensklasse, kurz vor Unterrichtsbeginn. Eine Dolmetscherin ist auch dabei. Yasna scheint sich an den beiden neuen Gesichtern kein bisschen zu stören. Im Moment ist sie sowieso noch beschäftigt – sie darf den Bananenkuchen ihrer Mutter auf die Pappteller verteilen, die Friederike mitgebracht hat. Außerdem muss sie ja auch noch die Bilder aufhängen, die sie gemalt hat, um den anderen Kindern ihr Heimatland vorzustellen.

Erst Bilder, dann Kuchen: Das Mädchen befestigt seine Kunstwerke mit Klebestreifen an der Wand. Eine ihrer Zeichnungen zeigt die Farben der eritreischen Nationalflagge: Grün, Rot und Blau. »Meine Lieblingsfarben«, erklärt Yasna, während sie das Bild aufhängt.

Ein anderes ist einfach nur gelb, zitronengelb. »Wie unser Himmel am Abend.« Durch ein drittes Bild spazieren ein rosarotes Zebra mit wehender Mähne und ein ebenfalls rosarotes Kamel mit sehr dünnen Beinen und einem derart langen Hals, dass es eher an einen Dinosaurier erinnert. Als alles aufgehängt ist, kruschtelt Yasna in ihrem Star-Wars-Schulranzen herum und zieht vorsichtig ein grasgrünes Stofftaschentuch heraus. Für mich ist es nur ein Taschentuch, für die Kleine sehr viel mehr.

»Meine Puppe Neela hat ein Kleid an, wie Mama und ich es manchmal tragen«, klärt mich Yasna stolz auf. Mit einem Gummi hat sie am oberen Ende des Taschentuchs einen Kopf geformt und dann das längere Ende grasgrün angemalt. »Ich habe genauso ein Kleid zu Hause«, sagt sie und legt die Puppe vorsichtig auf ihr Pult neben den Kuchen. So können später alle Mitschüler und Mitschülerinnen sehen, wie man sich in Eritrea kleidet.

Als Nächstes kümmert sich das Mädchen um die Verteilung des Bananenkuchens. »Jeder bekommt ein gleich großes Stück«, plant sie geschäftig.

Während ich Yasna bei den Vorbereitungen für ihren großen Tag zuschaue, macht sie einen völlig unbeschwerten, fröhlichen Eindruck auf mich. Nichts deutet darauf hin, dass Yasna einen furchtbaren Fluchtweg hinter sich hat, dessen letzte Etappe sie ganz allein, ohne ihre Mutter meistern musste. Mutter und Tochter wurden auf der Flucht getrennt.

Vor einem halben Jahr erst ist Yasna mit Suna aus ihrem nordostafrikanischen Heimatland geflüchtet. Mitten in der Nacht hatten Soldaten mit schweren Schuhen die Tür ihrer Lehmhütte eingetreten. Bis an die Zähne bewaffnet waren sie in Yasnas Zuhause eingedrungen, hatten alle aus dem Schlaf aufgeschreckt und ihren Vater aus der Hütte gezerrt. Seitdem ist er verschwunden. Niemand weiß, wo er sich aufhält oder ob er überhaupt noch am Leben ist.

»Er hatte gar nichts getan«, klagt Yasnas Mutter Suna, noch immer sichtlich verängstigt. »Wir waren einfache Bauern. Wir hatten eine kleine Plantage. Aber wir sind Christen, das ist in Eritrea nicht gut. Wir hatten sehr große Angst, als die Männer kamen.«

Suna ist selbst noch sehr jung. Genau wie ihre Tochter liebt sie leuchtende Farben. Zu ihrer roten Hose trägt sie ein bunt geringeltes T-Shirt.

»Ich habe laut geschrien und gebettelt, dass sie meinen Mann bei uns lassen sollen, aber sie haben mich weggetreten und gesagt, dass ich verschwinden soll, sonst würden sie mich auch mitnehmen. Yasna hat das alles mit angesehen, sie hat tagelang ihrem Vater nachgeweint.«

Während Suna erzählt, scheint sie mit jedem Wort weiter in sich zusammenzusinken. »Dann haben sie das Haus von meinem Bruder angezündet. Seine ganze Familie ist verbrannt«, sagt Suna, und Tränen laufen ihr über die Wangen. »Ich habe Yasna gepackt, bin einfach losgerannt. Wir sind die ganze Zeit nur gerannt, dann habe ich mich mit ihr versteckt, aber ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. In einem Internetcafé in der nächsten größeren Stadt habe ich meine Eltern angerufen. Sie leben in Äthiopien. Sie haben mir ein bisschen Geld geschickt. Dann sind wir weitergegangen.«

Auf der Ladefläche eines Pick-up, zusammengepfercht mit vielen anderen Flüchtenden, schafften es Suna und Yasna schließlich, Eritrea hinter sich zu lassen. Über Äthiopien, den Sudan und durch die Sahara kamen sie nach Libyen. »Es war eine schlimme Reise für Yasna. Sie war nur noch müde und wollte sich hinlegen, ausruhen und schlafen, aber das ging nicht, wir mussten ja immer weiter. Ihre kleinen Füße waren sehr schnell blutig und sie konnte nicht mehr so viel auf den Beinen sein. In Libyen haben uns Soldaten mit Holzstöcken gejagt und geschlagen.«

»Ahir auch?«, fragt Yasna unvermittelt, nachdem sie elf Bananenkuchenstücke auf den Papptellern verteilt hat und nun beim zwölften Stück angekommen ist. Unsicher schaut sie ihre Lehrerin an.

Friederike nickt, doch Yasna hakt noch einmal nach.

»Aber Ahir ist doof, er stört nur und ist immer laut und frech.«

»Auch Ahir bekommt ein Stück Kuchen«, antwortet Friederike bestimmt.

»Na gut«, seufzt Yasna, doch es klingt wenig überzeugt. Widersetzen möchte sie sich ihrer Lehrerin aber dann wohl doch nicht.

»Ahir kommt aus Albanien. Er tut sich sehr schwer damit stillzusitzen«, wispert diese mir zu. »Manchmal springt er plötzlich auf und läuft durchs Klassenzimmer, klettert aus dem Fenster oder stellt sich auf seinen Stuhl. Die anderen Kinder, die lernen wollen, fühlen sich durch sein Verhalten gestört. Ich kann nur hoffen, dass er sich bald etwas beruhigt. Die meisten Kinder in dieser Klasse haben ihr Päckchen zu tragen. Sie mussten ihre Heimat überstürzt verlassen und haben eine schwierige Reise hinter sich. Wir können nur versuchen, ihnen so viel Sicherheit und Stabilität wie möglich zu bieten, und hoffen, dass sie es für sich annehmen können.«

»Nein!«, hören wir in diesem Augenblick Yasna rufen. Offensicht­lich hat sie gerade mit ihrer Mutter über irgendetwas diskutiert. Sie stampft mit dem Fuß auf, verschränkt die Arme und ruft wieder: »Nein, nein, nein!«

Suna, die sich zu Yasna runtergebeugt hatte, schaut uns entschuldigend an. »Yasna will nicht vortanzen. Sie will nicht zeigen, wie wir in Eritrea tanzen.« Die junge Mutter seufzt. »Yasna war zu Hause immer sehr fröhlich. Sie hat viel getanzt und gelacht. Aber seitdem sie gesehen hat, wie die Soldaten ihren Vater geholt haben, will sie nicht mehr tanzen.«

Suna versucht, die Tränen wegzublinzeln, die ihr bei der Erinnerung an schreckliche Tage in die Augen treten. »Auf der Flucht aus Eritrea haben wir sehr wenig zu essen gehabt, in der Sahara gab es kaum Wasser für uns. In dem Lager in der Wüste fühlte ich mich sehr schwach, ich glaube, ich war krank geworden. Nachts haben mich die Schlepper geholt. Sie haben zu mir gesagt: ›Du kommst mit uns, oder wir holen deine kleine Tochter, sie ist sehr hübsch.‹ Ich hatte so große Angst um Yasna. Ohne sie hätte ich aufgegeben. Ich habe nur gedacht: Gott, beschütze mich für meine Yasna. Wer soll denn sonst auf sie aufpassen?«

Dankbar sieht Yasnas Mutter Friederike an. »Ich bin sehr, sehr froh über die Schule. Yasna freut sich immer, wenn sie hierherkommen kann, und ist traurig, wenn das am Wochenende nicht geht. Jeden Morgen, wenn sie aufwacht, fragt sie gleich: ›Ist heute wieder Schulzeit?‹« Gedankenverloren blickt Suna aus dem Fenster. »Es ist nicht einfach«, sagt sie dann leise. »Manchmal in der Nacht muss ich weinen, und Yasna kann nicht in Ruhe schlafen. Am nächsten Tag ist sie sehr müde. Manchmal wacht aber auch Yasna in der Nacht auf und zittert und schreit. Dann dauert es sehr lange, bis ich sie wieder beruhigen kann.« Immer wieder werden Mutter und Tochter von den quälenden Erinnerungen heimgesucht.

»Zweitausend Dollar habe ich den Schleppern für die Überfahrt nach Europa bezahlt«, erzählt Suna. »Aber dann wollten die Männer mehr. Ich habe ihnen meinen Schmuck gegeben und die goldene Kette, die mein Mann Yasna geschenkt hat.«

In Libyen steigen Mutter und Tochter in ein Boot Richtung Italien.

»Yasna hatte so große Angst vor dem Wasser. Sie hat sehr laut geschrien. Dann ist einer der Schlepper gekommen, er hat sie getreten und gebrüllt, sie solle endlich leise sein. Er hat ihr eine Rippe gebrochen. Ich habe sie in ein Tuch um mich gewickelt, meine Hand um ihren Arm gekrallt und sie nicht mehr losgelassen. Sie hat dann nicht mehr geschrien, nur noch leise gewimmert.« Suna schlägt die Hände vor ihr Gesicht, ihre Stimme zittert. »Sie hat die ganze Zeit auf dem Wasser gewimmert, ich habe gedacht, ich halte das nicht aus. Besser, wenn wir beide tot sind. Wir haben gesehen, wie ein Boot gesunken ist, ganz in unserer Nähe. Yasna hat Kinder gesehen, die im Wasser einfach verschwunden sind.« Suna atmet tief durch, versucht, sich zu beruhigen. »Wir wurden gerettet, kamen in Europa an. In Italien sind viele Menschen zu Fuß gegangen, wir sind einfach mit den anderen Flüchtlingen mitgelaufen. Immer weiter. Ich wusste gar nicht, wohin. Einmal kamen wir an einem Bauernhof an, wo ich gefragt habe, ob wir etwas zu essen haben könnten. Der Mann hat einfach seine großen Hunde auf uns gejagt. Sie waren riesig, wie Ungeheuer. Das war schlimm, das war alles sehr schlimm.«

Aber es war noch nicht das Schlimmste, das Mutter und Tochter auf ihrer Flucht aus der Heimat zustoßen sollte.

»Als wir mit den anderen Flüchtlingen weiterliefen, war Yasna auf einmal weg«, erzählt Suna. »Ich habe einen kurzen Moment nicht aufgepasst, und dann war sie plötzlich verschwunden, wie in Luft aufgelöst. Ich habe meine Kleine nicht mehr finden können! Ich habe gedacht, ich werde verrückt. Ich bin gerannt und habe ihren Namen geschrien, so laut und so lange, bis ich keine Stimme mehr hatte. Ich habe nicht gewusst, ob meiner Yasna etwas zugestoßen ist, ob sie zurückgelaufen ist, ob sie tot ist.«

Suna macht eine Pause, die Erinnerung an diesen Moment brennt ihr zu stark auf der Seele. »Ich habe gedacht: Wir sind bis nach Europa gekommen, wir haben so viel geschafft, und jetzt war das alles umsonst? Ich habe unterwegs so viele böse Menschen gesehen, was, wenn meine Tochter in ihren Händen ist? Ohne Yasna will ich sterben, habe ich gedacht.«

Doch Suna schaffte es irgendwie, ihre letzten Kräfte zu mobilisieren und sich bis nach Deutschland zu schleppen. Hier meldete sie sich sofort beim Roten Kreuz, gab eine Vermisstenanzeige für ihre Tochter auf. »Sie haben mich in ein Lager gebracht, haben mir Kleidung gegeben und warmen Tee für mich gemacht. Ein Doktor ist gekommen und hat mir eine Spritze gegeben, damit ich ein bisschen schlafen konnte. Ich habe dagelegen und die ganze Zeit nur gedacht: Gott, lass mich einfach sterben. Ich hatte keine Hoffnung mehr.«

Doch dann geschah etwas, was für Suna wie ein Wunder war. Als sie eines Nachts die Augen aufschlug, stand plötzlich ihre Tochter neben ihrem Krankenbett. »Ich habe gedacht, ich bin tot und im Himmel, als ich Yasna sah«, erinnert sich Suna. Tränen rollen ungehindert über ihre Wangen. Diesmal versucht sie nicht, sie vor mir zu verstecken.

»Yasna stand einfach da. Sie war so dünn, ihre Haare waren sehr schmutzig und ihre Augen so traurig. Sie war ganz rot und blutig gekratzt, hatte Ausschlag im Gesicht und auf den Armen. Ich habe sie in den Arm genommen und dann die ganze Zeit an der Hand gehalten, habe sie nicht mehr losgelassen. In den ersten Tagen hat sie überhaupt nicht gesprochen. Gar nichts. Ich habe gedacht, hoffentlich hat sie nicht auf der Flucht die Sprache verloren.«

Was Yasna in der Zeit ganz allein auf der Flucht durchmachen musste, weiß Suna nicht. Ihre Tochter will nicht darüber sprechen, bis heute nicht. Suna hat nur ein paar Informationen von einer Mitarbeiterin des Roten Kreuzes bekommen, die lediglich wusste, dass eine syrische Familie das kleine Mädchen im Wald gefunden hatte. Sie war dort ganz allein gewesen, völlig verängstigt und geschwächt vor Hunger und Durst. Die Familie hatte Yasna mitgenommen auf ihrem eigenen Weg nach Deutschland und sie dann zum Roten Kreuz gebracht.

»Gott möge diese Familie segnen«, sagt Suna und schickt einen dankbaren Blick himmelwärts.

Während wir sprechen, dreht Yasna die Teller mit den Kuchenstücken langsam und sorgfältig hin und her, bis die Spitze eines jeden Kuchendreiecks so daliegt, dass sie direkt auf den Beschenkten deuten wird.

»Yasna ist sehr aufgeweckt, aber es ist einfach alles neu für sie«, lächelt Friederike. »Ich erinnere mich noch, dass es geschneit hat, als Yasna zu uns kam. Sie hat die ganze Zeit völlig fasziniert aus dem Fenster gesehen. Dem Unterricht konnte sie gar nicht mehr folgen. Irgendwann hat sie mich dann gefragt: ›Was ist das? Wer streut das?‹ Da erst habe ich begriffen, dass Yasna noch nie zuvor in ihrem Leben Schnee gesehen hatte.«

»Fertig!« Zufrieden betrachtet Yasna ihr Werk. Das selbst gebastelte Taschentuchpüppchen holt sie an ihren Platz am Tisch. Dann sucht sie sich ein Puzzle aus dem Spieleschrank aus, setzt sich und beginnt mit dem Legen. Ab und zu hebt sie ihren Kopf und blickt nach draußen. Sie scheint in einer ganz anderen Welt zu sein.

Allmählich trudeln Yasnas Klassenkameraden ein. Eine bunt gemischte Gruppe: Die Kinder sind dunkelhäutig, blass, blond, rothaarig, schwarzhaarig, schlaksig, gedrungen. Manche tragen etwas ausgebeulte Jogginghosen und T-Shirts, andere sind schick gekleidet, in Hemd und Hose. Drei Mädchen gehen in Yasnas Klasse, eines davon trägt Kopftuch. Die meisten der Kinder sind fröhlich, ihre Augen leuchten, sie necken sich, die Vorfreude auf den Schultag steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Es ist die beste Abwechslung vom langweiligen Lageralltag, wo jeder Tag dem anderen gleicht.

Drei Plätze bleiben leer.

»Unsere Sorgenkinder«, sagt Friederike leicht resigniert. »Es sind drei Geschwister; die Älteste, ein Mädchen, ist zehn Jahre alt und spricht immer noch kein Wort Deutsch. Sie weigert sich einfach. Es ist völlig unklar, warum. Heute sind alle drei von den Eltern krankgeschrieben worden, wie so oft.«

Ein Mädchen mit langen dunklen Haaren kommt durch die Tür, läuft an den anderen vorbei auf Yasna zu und umarmt sie stürmisch.

»Das ist Musra, sie ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet«, erzählt Friederike. »In Aleppo besuchte sie die internationale Schule, ihre Eltern sind Lehrer. Die Familie war wohlhabend, sie hatten einen Gärtner und Wachhunde, zwei Autos. Bis der Krieg kam. Musra geht es nicht gut. Jedes Mal wenn sie ein lautes Geräusch hört, zuckt sie zusammen und will sich unter ihrem Tisch verstecken. Am schlimmsten ist es mit Flugzeugen. Das letzte Mal, als Flugzeuglärm zu hören war, musste sie sehr weinen, so stark ist das Geräusch für sie mit dem Krieg verbunden. Yasna ging einfach zu ihr und nahm sie in den Arm. Sie hat Musra gestreichelt, bis sie sich wieder etwas beruhigt hatte. Seither sind die beiden Freundinnen.«

Stirnrunzelnd beobachtet Friederike die Herzlichkeiten, die die Mädchen austauschen. »Es ist unklar, wie lange Musra bleiben kann. Niemand weiß, wie es weitergeht. Ich denke, dass eine Trennung für die beiden sehr hart wäre.«

Yasna ist jetzt ganz hibbelig, wippt auf ihrem Stuhl hin und her, aber noch ist es nicht so weit, dass sie den anderen von ihrem Zuhause erzählen kann. Erst wird der Stoff der letzten Stunde wiederholt. Sie nimmt ihr Spiderman-Federmäppchen aus dem Ranzen, wählt einen Stift mit einem kleinen Sternenanhänger und ein Heft, auf dem Bernd das Brot abgebildet ist.

Friederike rollt ein Plakat über der Tafel ab. Es zeigt eine Vielzahl unterschiedlicher Tiere.

»Wer von euch weiß, was das ist?« Die Lehrerin deutet auf ein schwarzes Pferd.

»Fisch«, grölt Ahir mit einem Grinsen, das verrät, dass er sehr wohl weiß, dass das Bild keinen Fisch zeigt.

»Nicht Fisch, Pferd«, korrigiert ihn ein kleines Mädchen mit Kopftuch und einer Brille, die sein halbes Gesicht verdeckt, sofort.

Lachend klatscht sich Ahir auf die Schenkel. »Das weiß ein Baby, du bist so dumm!«

»Ahir!«, ermahnt ihn Friederike, doch Ahir kichert weiter. Er lehnt sich zurück und legt die Beine auf den Tisch.

Friederike versucht ihn zu ignorieren und deutet auf das nächste Bild. Es zeigt einen Delfin.

»Wieder Fisch!«, schreit Ahir in die Runde. »Laaangweilig!«

»Ein Delfin ist kein Fisch, sondern ein Säugetier«, geht Friederike geduldig auf ihn ein.

»Wasser ist Wasser«, winkt Ahir ab. Der Junge hat Spaß daran gefunden, den Unterricht aufzumischen, und gibt auch bei jedem folgenden Bild seinen Kommentar ab.

Nach den Tiervokabeln bekommen die Kinder eine kurze Auszeit und dürfen sich selbst beschäftigen. Sie brauchen jetzt eine Pause, in der sie sich bewegen und rumlaufen dürfen. Die meisten drehen ihre Runden im Klassenzimmer, untersuchen den Spieleschrank, lassen sich Papier und Buntstifte geben und malen.

Yasna holt erst einmal Schaufel und Besen und fegt ihren Platz sorgfältig von den Spitzerresten leer. Sie will es um sich herum sauber haben. Musras Platz reinigt sie gleich mit.

Ein Junge aus dem Irak und ein anderer aus Bosnien bauen aus kleinen Holzteilen Schießscharten. Sie halten imaginäre Maschinen­gewehre hindurch und feuern. Musra zuckt zusammen, hält sich die Ohren zu, murmelt vor sich hin.

Friederike greift ein und formt aus den Schießscharten einen Turm, den die beiden Jungs nicht wirklich interessant finden.

Bevor der Unterricht weitergeht, dürfen die Kinder etwas essen. Für das Pausenbrot sind die Eltern zuständig. Der Junge aus Bosnien wickelt ein Stück kalte Pizza aus einem Küchentuch, Ahir hat eine große Tüte Gummibärchen dabei, Harin aus Afghanistan beißt in sein Käsesandwich. Musra löffelt eine Joghurtmischung aus einer Tupperschüssel. Sie will Yasna etwas davon anbieten, doch das Mädchen ist gerade viel zu aufgeregt, um zu essen.

Frisch gestärkt widmen sich die Kinder nun dem bestimmten Artikel im Deutschen. Jeden Gegenstand mit »der« dürfen sie in ihrem Schulheft mit einem roten Stift anmalen, jeden »die«-Gegenstand mit einem grünen Stift, und die blaue Farbe benutzen sie für jedes »das«. Friederike hält Bilder in die Luft, die Kinder sollen sie benennen. Als die Lehrerin ankündigt: »Jetzt kommt euer Lieblingsgegenstand«, brüllt die ganze Klasse vor Begeisterung.

»Das Toilette«, ruft der kleine Bosnier kichernd in die Klasse.

»Fast. Die Toilette«, korrigiert Friederike. »Grüne Farbe.«

Glucksend vor Vergnügen bemalen die Kinder die Toilette in ihrem Übungsbuch mit dem grünen Stift.

Nach der Artikelübung kommt endlich Yasnas Auftritt. Ihre Wangen glühen, ihre Augen funkeln, als sie von ihrer Heimat erzählt. Vor allem die Tiere Afrikas versetzen die anderen in Staunen.

»Du hast echt Kamele gesehen?«, fragt das kleine Mädchen mit dem Kopftuch. »Und Zebras? Und die sind rosa?«

Yasna nickt stolz, ruft dann aber laut: »Neeeiiinnn, die sind nicht rosa!« Sie kichert und erklärt, dass Rosa ihre Lieblingsfarbe sei, Zebras und Kamele in echt aber natürlich anders aussähen würden. Sie kommt ein bisschen aus sich heraus, erzählt von den Abenden mit ihrem Vater am Feuer und den vielen Tiergeräuschen, die sie jetzt sehr vermisst. Sie erzählt von den Festen in ihrer Heimat, als alle zusammenkamen, tanzten, sangen, und wie der Abendhimmel dabei golden leuchtete. Yasna berichtet auch noch ein bisschen mehr von ihrem Vater, der in ihren Erzählungen so groß wie ein Baum und so stark wie ein Tiger ist und zu Hause auf sie wartet. Zum Schluss geht es natürlich auch noch um Bananenkuchen, ihren Lieblingskuchen, den ihre Mutter nur zu ganz besonderen Gelegenheiten backt.

Gelegenheiten wie heute.

Die anderen Kinder klatschen und johlen nach Yasnas Vortrag und machen sich anschließend über das liebevoll angerichtete Kuchenstück auf ihrem Teller her. Der Einzige, der den Bananenkuchen keines Blickes würdigt, ist Ahir.

»Ich esse das nicht«, erklärt der Junge, kneift die Lippen zusammen und verschränkt demonstrativ die Arme. »Nur Affen essen Bananen, ich nicht«, setzt er dann noch nach und guckt beifallheischend in die Runde. Doch niemand lacht über seinen vermeintlichen Witz.

Als Musra bemerkt, dass Yasna traurig wird und kurz davor ist, in Tränen auszubrechen, reagiert sie blitzschnell. Bevor Ahir noch etwas sagen kann, schnappt sie sich seinen Pappteller und verspeist sein Kuchenstück in Nullkommanichts. »Ich liebe Bananen, die sind guuut«, kaut sie mit vollen Backen und grinst dabei Yasna an.

»Affen sind schlaue Tiere«, versucht auch Friederike die Situation zu retten. »Bananen haben viele Vitamine und Mineralien, Affen wissen, dass ihnen das gut tut.«

Dank der schnellen Reaktion der Freundin und den Worten der Lehrerin kann Yasna die Tränen hinunterschlucken. Sie erholt sich wieder ein wenig von Ahirs unerwarteter Attacke und hat sogar ein leises Lächeln im Gesicht.

Als das Kuchenessen vorbei ist, kommt wieder Bewegung in die Klasse. Die Kinder stellen sich auf Friederikes Kommando in einem Halbkreis auf und singen das französische Kinderlied »Frère Jacques«. Sie schmettern den Kanon mit der einprägsamen Melodie und den wenigen Textzeilen begeistert mit. Auch Ahir singt.

Nach Ende der Unterrichtsstunde kommt Friederike zu mir. »Es ist nicht einfach«, erklärt sie. »Die Kinder sind extrem unterschiedlich. Das ist für uns Lehrkräfte eine echte Herausforderung. Manche Kinder können bereits ein paar Brocken Deutsch, andere nicht einmal das Alphabet in ihrer Muttersprache, wenn sie zu uns kommen. Manche von ihnen haben noch nie in ihrem Leben einen Stift in der Hand gehalten oder eine Schule auch nur von innen gesehen. Andere konnten wegen des Krieges vorübergehend nicht in die Schule gehen, wieder andere haben einen guten Bildungshintergrund und langweilen sich bei dem, was wir unterrichten. Wir wollen alle Kinder in einem Jahr fit machen für die sogenannten Regelklassen.

Diesen Schritt schaffen zwar nicht alle in derselben Zeit, aber die meisten Flüchtlingskinder, die ich bisher betreuen durfte, waren hochmotiviert und ehrgeizig und wollten möglichst schnell die Sprache lernen.«

Yasna und ihre Mutter sind in einem Erstaufnahmelager in der Nähe untergebracht. Wenn sie verlegt werden, muss Yasna auch in eine andere Schule gehen.

»Dass sie womöglich die Klasse wechseln müssen, wissen die Kinder«, sagt Friederike. »Damit haben sie kein Problem. Schwer wird es für sie aber, wenn sie mitbekommen, dass jemand nicht mehr zum Unterricht erscheint, weil die Familie abgeschoben wurde. Die Kinder empfinden Mitleid für die Klassenkameraden, die gehen müssen, bekommen aber auch selber Angst, weil sie nicht wissen, was sie erwartet. Sie durchleiden große Unsicher­heitsgefühle, fürchten, dass sie auch eines Tages einfach nicht mehr wiederkommen könnten. Sie spüren, dass die Sicherheit, die wir ihnen hier geben möchten, auch trügerisch sein kann.«

»Tschüss, Frau Rike.« Der kleine Bosnier ist der Erste, der aus dem Klassenzimmer rast, Ahir folgt ihm nicht weniger hastig, Harin ordnet in aller Ruhe noch die Stifte in seinem Batman-Federmäppchen. Musra hilft Yasna dabei, ihre Bilder wieder abzuhängen und sorgfältig wegzupacken. Die beiden Mädchen, die ihrem Äußeren nach unterschiedlicher nicht sein könnten, flüstern und kichern. Die Tür geht wieder auf, Ahir jagt zurück ins Klassenzimmer, er hat seinen Schulranzen vergessen. Hastig wirft er ihn sich über die Schulter und flitzt wieder nach draußen. Schwungvoll knallt er die Tür hinter sich zu. Musra zuckt kurz zusammen, bemüht sich dann sichtlich, sich nichts anmerken zu lassen. Aber Yasna merkt es. Sie überlegt einen Augenblick, läuft zu ihrem Tisch, holt ihr selbst gebasteltes Taschen-tuchpüppchen und schenkt es Musra.

»Das ist Neela, sie passt auf dich auf«, flüstert sie ihr zu.

 

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