Die Geschichte von Nazam

»Wenn ich Fußball spiele, muss ich nicht denken«

Nazam (15 Jahre) – geflüchtet aus Afghanistan

»Lauf, Nazam, lauuuf!«

Heiner steht am Rande des Fußballfeldes und schreit sich die Seele aus dem Leib. Mit hochrotem Kopf und geballten Fäusten feuert er seinen besten Mittelfeldspieler an: »Lauuuf, Nazaaam!«

Der Junge gibt Gas und sprintet mit dem Ball durch die gegnerischen Reihen. Keiner kann ihn aufhalten. Er ist wirklich ziemlich schnell.

»Jawoll, gut gemacht!«, freut sich Heiner und klatscht Beifall, als Nazam den Ball nach seinem Sprint mit hartem Schuss ins Tor knallt.

Nazam hat in seiner Heimat Afghanistan im Nachwuchsteam der Nationalmannschaft gespielt, hier in Deutschland spielt er seit einem Monat wieder Fußball und gehört schon zur Stammbesetzung.

»Der hat’s einfach drauf«, lobt ihn sein Trainer zufrieden.

Dank Nazam hat seine Mannschaft 1:0 gewonnen. Der schüchterne Junge freut sich sichtlich, als seine Mitspieler ihn bejubeln und mit ihm abklatschen. Das sind die ganz seltenen Momente in seinem Leben, in denen er unbeschwert sein und alles andere vergessen kann.

»Wenn ich Fußball spiele, muss ich nicht denken, das mag ich sehr gern«, erzählt Nazam, als ich ihn nach dem Spiel in dem Kinderheim treffe, wo er jetzt lebt.

Nazam ist fünfzehn Jahre alt. Der schmächtige Junge ist allein, ohne Eltern oder Geschwister, aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Einen großen Teil der Strecke hat er zu Fuß zurückgelegt. Zweimal war er auf seiner langen, gefährlichen Reise dem Tod näher als dem Leben. Über ein Jahr lang war er auf der Flucht, bis er an der deutsch-österreichischen Grenze von der Bundespolizei aufgegriffen und wie alle minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge in ein Clearinghaus gebracht wurde. Nach drei Monaten kam er in einem Kinderheim in der süddeutschen Kleinstadt unter, in der er immer noch lebt.

Nazams Heimat am Hindukusch ist ein Land, in das – anders als nach Syrien – Menschen abgeschoben werden. Die Bundesregierung betrachtet Afghanen nicht unmittelbar als Flüchtlinge, obwohl sie drei Jahrzehnte lang die größte Bevölkerungsgruppe unter dem UNHCR-Schutzmandat waren. Die Lage in Afghanistan sei zwar nicht so unproblematisch wie anderswo, doch es gebe durchaus sichere Gegenden. Ein Abschiebestopp für abgelehnte Asylbewerber aus Afghanistan sei daher nicht gerechtfertigt, heißt es. Vor allem die Hauptstadt Kabul wird als sicher angesehen. Laut der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl sind jedoch viele Dörfer im Raum Kundus, seit die Bundeswehr 2013 abgezogen ist, wieder in den Händen der Taliban. Die afghanischen Sicherheitskräfte haben dort große Schwierigkeiten, die Oberhand über die radikalislamische Terrormiliz zu gewinnen. Immer wieder kommt es in der Unruheprovinz zu Entführungen, Hinrichtungen und Anschlägen.

»Ich komme aus Wardak, in der Nähe von Kabul, aus einem Dorf«, beginnt Nazam seine Geschichte. Er trägt ein eng anliegendes rotes T-Shirt, Jeans, Flipflops. Um seinen Hals hängt eine Lederkette mit einem Holzanhänger. Auf den ersten Blick wirkt Nazam wie ein Junge wie viele andere. Er ist keiner, der aus der Menge herausstechen würde. Nur seine Augen fallen auf. Sie sind olivbraun, schauen ein wenig traurig, aber dennoch voller Lebendigkeit. Nur kurz sieht er mich an, während er spricht, dann wendet er den Blick wieder ab. So als wolle er nicht zu viel von sich preisgeben.

»Seit zehn Jahren ist dort Krieg, wo ich herkomme. Immer im Sommer, jedes Jahr wieder. Dann kommen die Taliban und töten Menschen auf der Straße, bewerfen sie mit Steinen und zünden die Häuser an. Mein Onkel war Arzt in meinem Dorf. Sie haben ihn geholt, weil er den Leuten geholfen hat. Sie haben ihn mit fünf anderen auf einen Berg gestellt. Zwanzig Minuten lang haben sie auf ihn geschossen. ›Bang, bang, bang, bang.‹ Sie haben gar nicht mehr aufgehört. Ich habe mir die Ohren zugehalten. Sie haben so viele Menschen getötet. Das war sehr schlimm.«

Nazam holt sein Handy aus der Tasche seiner Jeans, scrollt durch seine Fotoalben. »Schau. Das habe ich alles mit meinen eigenen Augen gesehen.«

Während andere Jugendliche in seinem Alter Fotos von Freunden, Klassenausflügen, der Familie auf ihrem Smartphone gespeichert haben, sieht man auf Nazams Handy vor allem erschreckende Bilder. Einige sind so entsetzlich, dass kein Fernsehsender sie ausstrahlen würde. Ich schaue hin, auch wenn es mir schwerfällt.

Nazam zeigt mir Fotos von aufgetürmten Leichenbergen, von misshandelten, blutenden, entstellten Menschen, die nach der Folter erschossen und auf staubigen Straßen oder vor zerklüfteten Hügeln mitten in der Landschaft liegen gelassen wurden, abgelegt wie eine Ladung Müll. Einige Menschen scheinen noch zu leben, während sie auf vielfältige Arten schwer geschunden werden.

Nazams Hände zittern, als er durch sein Album blättert. Er steckt sein Handy wieder weg und erzählt weiter. »Jeden Sommer sind die Taliban zu uns gekommen und haben geschossen. Ich konnte nur ein- oder zweimal im Monat in die Schule gehen«, sagt Nazam, die Augen auf den Boden gerichtet. »Die Taliban haben gesagt: ›Du bist Hazara, du bist nicht gut, du bist kein Muslim, du hast keine Rechte, du brauchst gar nicht in die Schule gehen.‹ Die Taliban sind böse Menschen, sie haben Geheimpolizisten mit schwarzen Turbanen, die fahren durch die Straßen, kontrollieren und schießen sofort, wenn sie denken, dass etwas nicht stimmt. Oder sie schlagen die Menschen auf der Straße, wenn sie nicht tun, was sie sagen. Sie wollen, dass Männer weite Kleider und lange, hässliche Bärte tragen und Frauen die Burka und leise Schuhe, damit man sie nicht hören kann. Unsere Frauen mögen das aber nicht. Dass man nicht singen und nicht fernsehen darf.«

Nazam gehört zu den Hazara, einer Ethnie, die etwa ein Fünftel der Gesamtpopulation Afghanistans ausmacht und bei der auch die Frauen mehr Freiheiten haben als bei anderen Volksgruppen Afghanistans. Anders als die sunnitische Mehrheit des Landes sind die Hazara Schiiten. Aufgrund ihrer Konfession werden sie häufig Opfer von gezielten Terroranschlägen – vor allem durch die Taliban, aber auch durch andere radikalislamische Organisationen. 2014 stoppten Talibankämpfer zwei Busse, holten vierzehn Hazara heraus und töteten sie. »Hazara gehören nach Goristan«, sagt die Terrorgruppe. »Goristan« bedeutet Friedhof. Nazam hat selbst schon schlimme Erfahrungen mit den Taliban machen müssen. Besonders einer ihrer Überfälle hat sich stark in sein Gedächtnis gebrannt.

»Vor drei Jahren sind an einem Tag frühmorgens sehr viele Taliban gekommen. Sie haben die Tür von unserem Haus eingetreten und uns überfallen. Unser Hund hat gebellt, sie haben ihn erschossen. Aus unserem Haus haben sie zuerst alles gestohlen, dann haben sie es mit Benzin angezündet und verbrannt. Mein Vater hat noch geschrien: ›Die Taliban! Lauft weg, lauft!‹ Dann ist meine ganze Familie losgerannt, aber ich hatte solche Angst, ich konnte nicht. Ich habe mich unter einem Baum versteckt und gewartet. Da habe ich die Augen geschlossen und mir die Ohren zugehalten. Als ich sie einmal kurz öffnete, sind die Taliban an mir vorbeigegangen, ziemlich nah an meinem Versteck. Mein Herz hat so laut geschlagen, dass ich gedacht habe, sie können das sicher hören und kommen mich holen. Aber sie haben mich nicht entdeckt. Meine Mutter hat mich später gefunden. Wir sind dann zu meinen Großeltern in die Berge geflüchtet.«

Nazams Großeltern leben in einem kleinen Haus mit zwei winzigen Zimmern und einer Küche, dem Reich der Großmutter und ihrer vier Hühner. Es gibt keine Elektrizität und keinen Wasseranschluss. Nazam verbringt viel Zeit mit seinem Großvater, hilft ihm dabei, seine Ziegen zu hüten.

»Vor Sonnenaufgang sind wir weiter in die Berge hochgestiegen und haben den ganzen Tag dort oben verbracht«, erinnert sich Nazam. »Wir haben Nüsse und getrocknete Aprikosen gegessen und Tee getrunken. Mein Großvater hat mir die Geschichte von Simurgh erzählt, einem riesigen Vogel mit dem Kopf von einem Hund. Seine Flügel sind so weit wie Wolken. Seine Federn sind schön wie ein Regenbogen und sie haben große Zauberkraft. Er kann mit Menschen sprechen und ist sehr klug. Als ich noch klein war, wollte ich immer eine Feder von Simurgh haben. Einmal habe ich geglaubt, ich hätte eine gefunden, aber die war von Großmutters Huhn.«

Nazam zieht noch einmal sein Handy aus der Tasche. »Schau. Das ist mein Großvater. Daneben steht meine Mutter.«

Er zeigt mir ein Foto von einem alten Mann mit seiner Ziegenherde und einer etwas jüngeren Frau. Der Alte hat graue Haare, eine markante, gebogene Nase und ähnlich olivfarbene Augen wie Nazam. Er stützt sich auf einen Stock und lächelt verschmitzt. Nazams Mutter hat ein schmales Gesicht, rosige Wangen und ein großes Muttermal über der rechten Augenbraue. Nazam küsst das Foto auf seinem Handy. »Nach ein paar Tagen bei meinen Großeltern hat mein Vater gesagt: ›Die Taliban sind weg, wir gehen wieder nach Hause.‹ Meine Brüder und ich haben meinem Vater geholfen, unser Haus wieder aufzubauen. So war das sehr oft, wir waren immer Flüchtlinge im Sommer.«

Doch dieses Mal sollte für Nazam alles anders werden.

»Als die Taliban meinen Onkel erschossen haben, ist meine Mutter vor Traurigkeit fast verrückt geworden. Sie hat sehr viel geweint und mich dann zu sich herangezogen und auf die Stirn geküsst. In solchen Momenten hat sie immer wieder gesagt, dass ich ihr jüngster Sohn bin und dass ich ein sehr guter Sohn bin und dass es wichtig ist, dass ich in die Schule gehe, weil ich klüger bin als meine Brüder. Sie hat gesagt, dass ich in Afghanistan kein richtiges Leben haben kann. Dass meine Brüder meinem Vater helfen werden, dass ich aber weggehen muss. In ein Land, wo ich regelmäßig in die Schule gehen kann. Ich habe geweint und zu ihr gesagt, dass ich bei ihr bleiben und nicht weggehen will. Sie hat gesagt, dass sie nicht will, dass ich sterbe wie ihr Bruder. Ihr Herz sei schon voller Traurigkeit und sie habe keinen Platz für noch mehr davon. Dann ist sie in die Küche gegangen und hat frisches Fladenbrot für mich gebacken.«

Nazam spricht schnell, ohne Pause, ohne aufzusehen. Es ist das erste Mal hier in Deutschland, dass er seine Geschichte erzählt.

»Wir wissen nicht viel über ihn«, hatte mir die Heimleiterin vor unserem Gespräch gesagt. »Nazam mag nicht gern über sich sprechen.«

Aber jetzt will er erzählen, will sich ein wenig von seiner Last von der Seele reden.

Die Familie schickte den Jungen zunächst in die afghanische Hauptstadt Kabul. Dort, so hofften seine Eltern, sei Nazam in Sicherheit, könne Arbeit finden und in die Schule gehen. »Ich bin allein zu Fuß aus unserem Dorf weggegangen. Kabul ist eine dreckige und laute große Stadt, ich habe dort ein bisschen gearbeitet. Auf einer Baustelle, ich habe Schmutz weggeräumt und solche Sachen. Einmal hat mich mein ältester Bruder besucht, er hat gesagt: ›Nazam, du kannst hier nicht bleiben, du kannst hier nicht in die Schule gehen, es ist besser, du gehst nach Europa.‹«

Nazam sollte es besser haben, in Sicherheit, ohne die permanente Angst vor den Taliban. Nazams Brüder sind siebzehn und achtzehn Jahre alt – zu alt, um eine gute Bleibechance zu haben. Ihnen würde die Abschiebung drohen, minderjährige Kinder dagegen dürfen in der Regel bleiben. Auf Nazam setzt die Familie all ihre Hoffnung. Sie sind sich sicher, er  wird Geld verdienen und es ihnen schicken können – und sie träumen davon, dass sich durch ihn doch noch irgendwie eine Möglichkeit finden lässt, die ganze Familie nachzuholen.

Alle halfen dabei, Nazams Reise zu finanzieren – zumindest die erste Etappe, die so sicher wie möglich verlaufen sollte.

»Mein Bruder hat viel Geld geliehen und für mich ein Ticket für einen Flug in den Iran gekauft, weil der Weg zu Fuß dorthin sehr schwierig ist. Viele Menschen sind dabei gestorben«, erzählt Nazam. »Mein Bruder hat mich zum Flughafen gebracht, der Abschied war sehr schlimm. Er hat mich geküsst, dann ist er gegangen. Ich habe gewusst, jetzt kann ich nicht mehr zurück. Jetzt bin ich ganz allein. Ich habe an meine Mutter gedacht und habe versucht, nicht zu weinen, aber ich habe es nicht geschafft.«

Mit vierzehn Jahren kam Nazam allein auf dem Imam Chomeini International Airport im Iran an – hinter sich ein Leben voller Angst und Entbehrungen, vor sich einen gefährlichen Weg ins Ungewisse. Starkes Heimweh plagte ihn und das Wissen, dass es kein Zurück gab. Viel zu viel wurde schon in seine Reise investiert. Niemand würde ihn zu Hause mit offenen Armen empfangen, wenn er jetzt umkehrte.

»Ich weiß noch, die Sonne stand hoch am Himmel, es war sehr heiß und schwierig, zu Fuß zu gehen. Mein Magen hatte sich verkrampft, mir war schlecht«, erzählt Nazam über die ersten Schritte, die er allein im Iran tat.

Nazams Bruder hatte ihm einen Schlepper vermittelt, der ihn irgendwo auf einer Straße in der Nähe des Flughafens aufgabeln sollte. Geduldig wartete der Junge am Straßenrand in der sengenden Sonne, bis schließlich ein Lastwagen hielt. Nazam stieg ein.

»Es waren noch sechs andere Menschen auf dem Lastwagen, aber niemand hat mit mir gesprochen. Ich war sehr einsam.«

Mehrere Stunden verbrachte er zusammengekauert auf der Ladefläche.

»Ich habe nichts getrunken, weil ich nicht wusste, wann ich wieder auf die Toilette gehen konnte, und habe mich kaum bewegt. Später habe ich meine Beine fast nicht mehr spüren können, sie waren weich wie Kaugummi.«

Fünf Tage lang war Nazam unterwegs auf dem Weg zur türkischen Grenze. »Ein bisschen mit dem Auto und viel zu Fuß.« Immer sehr vorsichtig, um nicht von der Polizei erwischt und als Illegaler verhaftet zu werden.

»Meine Füße waren ganz dick vom vielen Gehen. In der Nacht sind wir über die Grenze gelaufen. Sehr, sehr schnell. Es war schlammig und deswegen rutschig. Ich hatte Angst, dass ich hinfalle. Eine Frau ist gefallen, niemand hat gewartet. Ich war sehr froh, als der Schlepper irgendwann sagte: ›Da oben ist die Grenze.‹ Ganz leise sind wir weitergegangen. Wir mussten sehr vorsichtig sein, denn sie schießen auf Flüchtlinge. Meine Schuhe waren nass, wir sind so viel gelaufen, viele Stunden lang.«

Der geheime Grenzübertritt gelang. Zu Fuß und mit einem Bus, den die Schlepper organisiert hatten, kam Nazam in die Türkei. Flüchtlinge bekommen dort keine staatliche Unterstützung, Kinder müssen sich allein durchschlagen, können außerdem nicht die Schule besuchen. Nazam hatte darum nur ein Ziel vor Augen: irgendwie weiter nach Deutschland.

»Ich habe mich in der Türkei immer vor der Polizei versteckt. Wenn sie dich finden, kommst du ins Gefängnis oder sie schicken dich in dein Heimatland zurück. Einmal musste ich viele Stunden in einem Fluss in kaltem Wasser stehen, das war sehr schwierig. Eine Woche lang war ich in der Türkei und ich habe fast nicht geschlafen, ich war so müde, aber ich durfte nicht schlafen – ich wusste nicht, was dann mit mir passiert wäre. Ein bisschen ausgeruht habe ich mich nachts im Wald, etwas abseits der Straße, wegen der Polizei. Ich hatte ein Stück Karton gefunden, das habe ich als Bett benutzt.«

»Irgendwann habe ich einen alten Mann getroffen. Er hat Farsi mit mir geredet. Er hat mich gefragt, woher ich komme, wo meine Mutter ist und wohin ich will. Er hat mich sehr an meinen Großvater erinnert, deswegen habe ich mit ihm gesprochen. Er hat gesagt: ›Komm mit, Junge, ich helfe dir.‹ Er hat mich dann in seine Wohnung gebracht, seine Frau hat Tee für mich gekocht und etwas zu essen. Ich habe mich dort gut ausruhen können. Von dem alten Mann habe ich auch gehört, wo ich einen Schlepper finde, der mich mit einem Boot nach Europa fährt.«

Nazam vertraute dem Fremden, weil er keine andere Wahl hatte. Er hatte Glück, dass ihm der alte Afghane, der schon länger in der Türkei lebte, einfach nur helfen wollte. Er arrangierte die Weiterreise für Nazam, organisierte ihm ein Ticket für die Fahrt in einem überfüllten Kleinbus. Die Reise zu der geheimen Schlepper-Ablegestelle an der türkischen Küste dauerte einen ganzen Tag. Es war tief in der Nacht, als Nazam dort ankam.

»Wir haben in einem Wald angehalten und sind alle zu einem kleinen Boot gerannt. Erst ist es sehr schnell gefahren, dann war ein Loch im Boot, es ist viel Wasser reingelaufen. Der Wind hat ganz laut gepfiffen, das Wasser war sehr salzig. Alle haben geweint, ich auch. Der Mann neben mir hat geschrien: ›Allah, hilf uns, Allah, hilf uns!‹ Ich habe gedacht, ich sterbe in dieser Nacht. Es gab keine Toilette, viele haben sich vor Angst in die Hose gemacht. Es war schrecklich. Ich habe gedacht: Warum bin ich weggegangen? Ich will nach Hause, ist mir völlig egal, ob die Taliban kommen. Besser die Taliban als im dunklen Wasser zu ertrinken.«

Nazam hatte wieder Glück, die griechische Polizei wurde auf das havarierte Schiff aufmerksam, kam zu Hilfe und brachte die Passagiere nach Athen. Der Junge war froh, dass er es geschafft hatte. Zwei Frauen und zwei Kinder hatten die Überfahrt nicht überlebt.

Völlig erschöpft, ganz allein und ohne einen Plan erreichte Nazam Europa. Er wusste nur, er musste sich weiter durchkämpfen.

»In Griechenland habe ich dann in einem Park auf dem Boden geschlafen, ich war müde, hatte überall Schmerzen, niemand hat mir geholfen. Zu Fuß und mit dem Bus bin ich weiter nach Serbien und Mazedonien, überall habe ich im Park geschlafen, ein bisschen Wasser getrunken und etwas zu essen gesucht. Ich habe dann an einem Tag einen anderen Jungen aus Afghanistan getroffen. Der hat mich zu einem Lastwagen gebracht. Er hat gesagt: ›Komm mit, ich habe eine gute Adresse, es gibt einen Mann mit einem Auto, der uns fahren kann.‹ Mit dem sind wir dann auch wirklich weitergefahren. Aber es war sehr, sehr schlimm.«

Jetzt stoppt Nazam in seiner Erzählung und atmet tief durch. Er sucht nach Worten, möchte endlich alles loswerden, will aber auch die Fassung bewahren. Als er merkt, dass seine Stimme zittert, räuspert er sich kurz.

»Es waren fünfzig Menschen in einem kleinen Lastwagen, immer mehr sind eingestiegen, wir waren drei Stunden eingesperrt, alles war verschlossen, es gab keine Luft zum Atmen. Alle waren müde, alle waren schwach. Wir haben gedacht, wir sterben in dem Wagen ohne Luft. Ich habe mit mir gekämpft, dass ich nicht einschlafe, ich habe gedacht, ich muss wach bleiben, muss wissen, was passiert. Mir war schwindlig und ich hatte großen Hunger und Durst. Ich hatte so viel Angst, dass ich sterbe, dass ich nicht einmal mehr weinen konnte.«

Nazam räuspert sich erneut, greift dann nach dem Glas Wasser, das vor ihm steht. Seine Hände zittern. »Ich habe zu mir gesagt: ›Du musst das aushalten, Nazam, du kannst deine Mutter nicht so traurig machen.‹ Dann habe ich die Augen geschlossen und an mein Zuhause gedacht: an die Stimme meiner Mutter, wenn sie mich umarmt, wenn ich nicht schlafen kann, und wie sie mir afghanische Lieder vorsingt. Ich habe an das runzelige Gesicht von meinem Vater gedacht, das von der Arbeit auf den Feldern immer braungebrannt war, an seine kräftigen Arme. Ich habe auch an den kleinen Bach hinter unserem Haus gedacht, an dem ich zum letzten Mal mit meinem Bruder gespielt habe, an meinen Großvater, wie er in den Bergen Schafe hütet, an den großen Simurgh und seine Zauberfedern und an das Fladenbrot meiner Mutter.«

Nazam stellt das Glas wieder ab und zückt erneut sein Handy. »Schau«, sagt er und zeigt mir ein Foto. »Das ist ein Bild von mir nach der Fahrt.« Auf dem Foto steht ein Junge vor einem heruntergekommenen Lastwagen und macht das Victory-Zeichen. Doch eigentlich wirkt er nicht wie ein Junge, eher wie ein alter Mann. Seine Gesichtszüge sind müde, er sieht gebrechlich aus. Heute erschrickt Nazam vor sich selbst.

»Ich bin sehr froh, dass mich meine Mutter nicht so kaputt gesehen hat.«

Nazam erreichte Ungarn. »Von da aus bin ich acht Stunden zu Fuß durch den Wald gelaufen, ich habe auch da geschlafen. Es waren viele andere Flüchtlinge auf derselben Route unterwegs, ich bin immer wieder ein Stück mit ihnen mitgegangen. Sie haben manchmal miteinander gekämpft, um das Essen, um die Entscheidung, wo wir lang müssen. Das war schrecklich. Ich war sehr froh, als wir in Österreich angekommen waren. Ich bin nach Wien gegangen und von da mit dem Zug weiter nach Deutschland gefahren. In dem Zug habe ich mich auf der Toilette oder unter einem Sitz versteckt, wenn sie gekommen sind, um zu kontrollieren. Aber die Polizei hat mich trotzdem gefunden. Sie haben gefragt: ›Wo ist dein Passport?‹ ›Ich habe keinen Passport mehr, ich habe gar nichts mehr‹, habe ich gesagt. Ich hatte Angst, dass sie mich ins Gefängnis bringen, aber sie waren sehr nett, wollten einfach nur mehr wissen: ›Woher kommst du? Wir heißt du? Wie alt bist du?‹ Ich habe mit den Fingern gezeigt, dass ich vierzehn Jahre alt bin. Dann haben sie kurz miteinander gesprochen und mich mitgenommen. Als ich gehört habe, dass ich in Deutschland angekommen bin, war ich sehr, sehr glücklich. Ich habe gedacht, jetzt habe ich es endlich geschafft.«

Wie alle minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge wurde Nazam zuerst in die Obhut eines Jugendamtes gegeben und dann in ein Clearinghaus gebracht, um seine Herkunft und seinen Fluchtweg zu klären. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sich Nazam wieder sicher und gut aufgehoben.

»Sie haben mir Kleidung gegeben und neue Schuhe. Alle waren freundlich. Ich war dort zusammen mit vielen Flüchtlingen aus Afrika, aus Syrien, aus dem Irak. Christ, Moslem, Hazara, egal, wir haben alle zusammen gegessen, haben zusammen Deutsch gelernt, das hat mir gefallen. Jetzt gehe ich hier in die Schule, das ist auch toll. Es sind sehr gute Leute hier. Draußen ist alles grün, nicht wie bei uns. Bei uns gibt es nur Gestrüpp, Berge und Steine. Das Essen ist auch lecker, es ist alles gut, das Leben ist jetzt sehr einfach für mich.« Er blickt kurz auf, ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

In dem Kinderheim teilt sich Nazam ein Zimmer mit einem deutschen Jungen in seinem Alter, er spricht inzwischen auch selbst schon erstaunlich gut Deutsch, ist erfolgreich in der Schule und hat auf dem Fußballplatz Anschluss gefunden. An der Wand über seinem Bett hängt ein Bild von Ex-Bayerncoach Pep Guardiola, aber eigentlich schwärmt Nazam für Borussia Dortmund. In Afghanistan hat er sich viele Spiele der Borussen im Fernsehen angeschaut. Neben Guardiola hat Nazam eine Weltkarte an die Wand geheftet, auf die viele schwarze und ein paar gelbe Fähnchen gesteckt sind.

»Das ist mein Reiseweg«, erklärt er mir und fährt ihn mit dem Finger nach. »Wie ich von Afghanistan nach Deutschland gekommen bin. Die schwarzen Fähnchen stehen für schlechte Stationen.« Nachdenklich betrachtet er seinen Weg. »Sehr wenig gute Stationen«, fasst er zusammen und nickt bedächtig. »Aber jetzt ist es schön.«

Nazam ist angekommen und fühlt sich wohl in Deutschland. Er will hier weiter Fußball spielen und einen guten Beruf lernen, vielleicht Arzt werden, wie sein Onkel, oder Lehrer, und dann will er seiner Familie helfen.

Doch ein richtiges Happy End gibt es leider immer noch nicht für den Jungen, der so viel gekämpft hat für eine gute Zukunft. Vor ein paar Wochen erhielt er eine schlimme Nachricht von zu Hause.

»Mein Bruder hat mich aus Kabul aus einem Internetcafé angerufen und mir gesagt, dass meine Mutter sehr krank ist, dass sie Krebs hat. Ich bin sehr traurig. Ich war immer bei meiner Mutter, weil ich der Kleinste war, ich bin sehr eng mit ihr. In der Schule kann ich mich oft nicht so gut konzen-
trieren, weil ich denke: ›Wie geht es meiner Mutter?‹ Und dann denke ich, ich weiß nicht, was ich mache, wenn ich einmal zurückkomme nach Afghanistan und meine Mutter ist nicht mehr da.«

Es geht nicht mehr. Jetzt hält er es nicht mehr aus. Nazam presst die Hände vor sein Gesicht, versucht die Tränen zurückzudrängen. Mit seinen gerade fünfzehn Jahren muss er schon gegen Schmerzen ankämpfen, gegen die es kein Mittel zu geben scheint.

»Ich mag nicht vor anderen Menschen weinen«, sagt er, als er sich wieder einigermaßen im Griff hat. »Am Abend in meinem Zimmer passiert es manchmal, wenn ich allein bin und afghanische Musik höre, dann werde ich sehr traurig und muss sehr viel weinen. Dann stelle ich mir vor, wie ich meine Mutter umarme und küsse und wie sie für mich singt. Ich vermisse sie eigentlich immer.«

Das Schlimmste für den Jungen ist, dass er momentan keinen Kontakt zu seiner Familie haben kann, das macht ihn nervös.

»Früher konnte man bei uns im Dorf mit dem Handy telefonieren, jetzt nicht mehr, die Taliban haben alles kaputt gemacht.«

Nazam weiß nicht, wie es seiner Mutter gerade geht, er kann sie nicht erreichen, kann nicht mit ihr sprechen. »Vielleicht weiß sie gar nicht mehr, dass ich in Deutschland angekommen bin, vielleicht denkt sie, ich bin noch in Afghanistan«, überlegt er leise. »Meine Mutter weiß nicht mehr viel. Wenn ich zum Beispiel zu ihr sage: ›Bring bitte die Tasse in die Küche‹, dann sagt sie zu mir: ›Ich weiß nicht, wo die Küche ist.‹ Das ist so, seit die Taliban meinen Onkel erschossen haben.«

Für die Krebsbehandlung braucht Nazams Mutter Geld für Medikamente. Geld, das die Familie in Afghanistan nicht aufbringen kann. Eine zusätzliche Last, die nun auf Nazams Schultern liegt. Neben Schule und Fußballtraining will er versuchen zu arbeiten, um Geld nach Afghanistan schicken zu können. Jeden Tag sieht sich Nazam im Internet Nachrichten aus Afghanistan an, informiert sich über die aktuelle Lage in seiner Heimat.

»Der Präsident sagt, es gibt keinen Krieg in Afghanistan. Er hat keine Ohren zu hören und keine Augen zu sehen! Das macht mich sehr traurig. Was ist das, wenn Menschen getötet werden? Wenn Häuser angezündet werden? Wenn Kinder nicht in die Schule gehen dürfen?« Er holt noch einmal sein Handy, zeigt mir ein Bild mit dem Namen seiner Provinz Wardak auf Arabisch. Blut tropft aus den Buchstaben, Flammen züngeln über den pechschwarzen Schriftzug in den Himmel. »Das ist meine Heimat. Jetzt kommt bald der Sommer. Dann wird es wieder sehr schlimm werden in Wardak.«

 

buchcover

Im neuen Buch „Beyond Survival“ kannst du Nazams ganze Geschichte nachlesen!

$0
Pledged of $50,000.00 Goal
0
Pledgers
Crowdfunding ends on
March
31
2017
 
$50.00
Pledged of $8,000.00 Goal
1
Pledgers
Crowdfunding ends on
March
31
2017
 
$0
Pledged of $25,000.00 Goal
0
Pledgers
Crowdfunding ends on
March
31
2017
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.