Die Geschichte von Familie Housoun

»Wir haben sehr großes Glück gehabt«

Familie Housoun – geflüchtet aus Syrien

Das Leben von Familie Housoun – es ist ruhig geworden. Seit zweieinhalb Jahren wohnt die syrische Flüchtlingsfamilie inzwischen in Deutschland, verfügt über alle notwendigen Aufenthaltspapiere, ist angekommen und darf bleiben.

Die neue Heimat von Mutter Dahiba, Vater Ibrahim, dem vierzehnjährigen Abdullah, dem elfjährigen Achmed, Tochter Atefa, neun, und dem fünf Jahre alten Hadi befindet sich in einem kleinen Ort mit rund 3000 Einwohnern. Sie leben in einer Mietwohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Vor dem Haus stehen Fahrradständer, es gibt Teppichklopfstangen auf den Rasenflächen, im Treppenhaus hängt eine Hausordnung.

Drei der Housoun-Kinder, die beiden ältesten Söhne und Tochter Atefa, gehen in die Schule. Achmed wird demnächst in die Realschule wechseln können, weil er in Mathe und Englisch außergewöhnlich gut ist. Nur Hadi, der Kleine, der gerade seinen fünften Geburtstag gefeiert hat, ist noch zu Hause. Mutter Dahiba hat keinen Kindergartenplatz für ihn bekommen, der Andrang war zu groß.

»Wenn Hadi später in den Kindergarten geht, kann meine Mutter auch einen richtigen Deutschkurs beginnen«, sagt Atefa zu mir, die selbst schon sehr gut Deutsch spricht. Kaum zu glauben, dass es eine Sprache ist, die sie erst seit zwei Jahren lernt.

Ihre Mutter Dahiba ist gerade von ihrem Mittagsschlaf aufgestanden, trägt kein Kopftuch, streicht schnell ihre langen dunklen Haare zurück und steckt sie zu einem Knoten zusammen. Atefa trägt einen Jilbab, den ihr Dahiba jedoch abnimmt, als wir uns auf das Sofa im Wohnzimmer setzen.

Dahiba kann sehr viel auf Deutsch verstehen, tut sich aber noch schwer mit dem Sprechen, daher unterhalten wir uns auf Englisch.

»Jeden Mittwoch kommt Julia zu uns, meine Lehrerin, die ich aus der Nachbarschaft kenne. Eine sehr nette Frau, sie hilft mir viel. Und …« Der Rest von Dahibas Satz geht in dem lauten Ruf des Muezzin unter, der aus ihrem Handy schallt. Ich besuche die Familie während des Ramadan, dem Fastenmonat der Muslime. Dahibas Handy ruft zum Gebet. Der Koran schreibt den Gläubigen fünf Tageszeiten vor, an denen das rituelle Pflichtgebet erfolgen muss. Diese Zeiten werden nach dem Sonnenstand bestimmt und sind von Ort zu Ort unterschiedlich. Früher mussten sich die Muslime in Ländern, in denen der Muezzin nicht zum Gebet rufen konnte, mit Gebetskalendern behelfen, heute hilft die Technik dabei, den Glauben auszuüben.

Atefa freut sich schon sehr auf das Zuckerfest, das Eid al-Fitr, mit dem alle Muslime das Ende des Ramadan feiern.

»Es gibt Geschenke, wir schlafen kaum und von meinem Onkel bekomme ich Extra-Taschengeld«, erzählt Atefa freudestrahlend. »Ausschlafen kann ich danach auch – meine Schule hat uns Muslimen zwei Tage freigegeben.«

Das Ende der neunundzwanzig Tage andauernden Fastenzeit wird drei Tage lang gefeiert. Die Kinder bekommen Süßigkeiten, die Wohnungen werden festlich geschmückt. Am ersten Tag sind Verwandtenbesuche üblich, an den beiden folgenden trifft man Freunde. Das Zuckerfest ist eines der beiden wichtigsten Feste des Islams und vom Stellenwert mit den christlichen Weihnachtsfeiertagen vergleichbar.

In der neuen deutschen Heimat haben sich inzwischen viele Einheimische auf die Gewohnheiten und Lebensrhythmen der syrischen Nachbarn eingestellt. Aber einige reagieren ab und an auch mal irritiert.

»Gestern um Mitternacht war auf einmal die Polizei da und hat gegen unsere Tür geklopft.« Schmunzelnd streckt mir Dahiba ihre Hände entgegen. »Ich habe die Tür geöffnet und hatte noch Handschuhe an. Die Polizei hat mich gefragt: ›Was machst du da?‹ Ich habe gesagt: ›Ich backe Kuchen und Kekse!‹ Sie haben mir erst nicht geglaubt. ›Warum backst du so spät in der Nacht?‹, haben sie gefragt. ›Weil Ramadan ist‹, habe ich gesagt. ›Weil wir von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang fasten und erst danach essen dürfen.‹ Dann haben sie Hadi im Flur gesehen. ›Und warum ist dein kleines Kind noch auf?‹, haben sie weitergefragt. ›Weil Ramadan ist‹, habe ich wieder gesagt. ›Und weil wir am Tag viel schlafen.‹ Irgendwann haben sie verstanden. Sie haben mir dann noch gesagt, dass unsere Nachbarn bei ihnen angerufen hatten, weil wir immer so laut wären und in der Nacht das Licht bei uns brenne.« Dahiba sieht mich mit großen Augen an. »Wir sind gar nicht laut gewesen«, versichert sie. »Und warum kann ich in meiner Wohnung nicht das Licht anmachen, wann ich will?«

Alarmiert hatte die Polizei eine Familie, die über den Housouns wohnt. Die besorgten Nachbarn stammen aus Bosnien-Herzegowina. »Immer regen die sich auf.« Atefa verdreht die Augen. »Sie mögen uns nicht. Die Deutschen hier im Haus sind alle nett zu uns. Diese Leute nicht.«

Dahiba hat noch ein paar von ihren nächtlich gebackenen Ramadan-Keksen übrig und serviert sie mir mit einem Orangensaft. Fantastisch schmecken sie – mit Sesam, Pistazien, vielen Kernen und einem lockeren Mürbeteig. Dahiba selbst rührt nichts an, erst nach Sonnenuntergang wird die Familie auch wieder essen und trinken.

»Guten Tag.«

Abdullah gesellt sich zu uns. Er trägt Jeans und ein schwarzes Shirt mit V-Ausschnitt, die Basecap verkehrt herum. Große stylishe weiße Kopfhörer baumeln um seinen Hals. Er begrüßt mich mit einem kurzen Handschlag, verzieht sich dann aber gleich wieder. Er hat es eilig, ist mit seinen Kumpels zum Schwimmen an einem nahe gelegenen See verabredet. Sie sind eine gemischte Gruppe, vorwiegend syrische Jungen, aber auch ein paar deutsche sind dabei.

Ein Ausflug an den See oder ins Schwimmbad wäre für Dahiba und ihre Tochter undenkbar, egal wie heiß das Wetter sein mag.

»Ich, nein, Atefa, nein«, sagt die Mutter auf Deutsch in einem Tonfall, der keinerlei Widerspruch zulässt.

Kichernd schaut Atefa ihrem Bruder nach. »Abdullah ist in love! Mit Sabina aus seiner Klasse«, flüstert sie mir hinter vorgehaltener Hand zu und macht schmatzende Kussgeräusche, was ihr einen Rüffel auf Arabisch von ihrer Mutter einbringt.

Dahiba verdreht die Augen. »Bei uns in Syrien ist es nicht üblich, dass sich Männer und Frauen in der Öffentlichkeit umarmen und küssen. Als wir in Europa angekommen sind, habe ich immer weggeguckt und meinen Kindern die Augen zugehalten, wenn ich so etwas gesehen habe. Aber jetzt …« Etwas hilflos zuckt Dahiba die Schultern. »… jetzt leben wir hier und müssen uns an das gewöhnen, was hier richtig ist.«

Noch allerdings gilt diese Devise vorwiegend für ihre Söhne.

Achmed, der älteste Bruder, ist gerade auf Klassenfahrt im Landschulheim. Dort haben die Jugendlichen striktes Handyverbot bekommen. Ein großes Problem für Dahiba.

»Meine Mutter macht sich immer sehr viele Sorgen, wenn sie nicht weiß, wo wir sind, und sie nicht mit uns sprechen kann«, erklärt mir Atefa. »Die ganze Zeit sagt sie: ›Hoffentlich geht alles gut mit Achmed!‹«

Dahibas Sorgen sind Spätfolgen der Flucht aus Syrien. Die Angst bleibt ein ständiger Begleiter. Ohne die Möglichkeit, mit ihren Liebsten auf dem Handy zu sprechen, das auf ihrem Weg nach Europa das wichtigstes Kommunikations- und Orientierungsmittel war, scheint das Leben plötzlich unkontrollierbar.

Die Flucht der Familie begann 2013, vielleicht 2014. An das genaue Datum kann oder will sich Dahiba nicht mehr erinnern.

»Es fielen immer mehr Bomben, immer wieder hörten wir Sirenen und Explosionen, wir hatten alle langsam Panik bekommen.«

Die Housouns überlegten, was für sie der richtige Weg wäre – zu bleiben und abzuwarten oder zu gehen. Sie beschlossen, dass es zu gefährlich sein würde, weiter in der Heimat zu leben und zu hoffen, dass alles wieder besser werden würde.

»Alle zusammen, die ganze Familie, meine Kinder, meine Schwester und ihre Kinder, meine Cousins, meine Cousinen, meine Tanten, wir alle sind dann in den Libanon geflüchtet. Alle, auch mein Bruder.«

Die Housouns lebten in Syrien in der Nähe von Homs, mit etwas über hundertachtzig Kilometern war Beirut nur rund drei Autostunden entfernt.

Eigentlich wollte die Familie nur vorübergehend in dem Flüchtlingsauffanglager nahe der libanesischen Hauptstadt bleiben, bis sich die Lage in Syrien so weit beruhigt hatte, dass sie in ihre Heimat zurückkehren konnten. Sie rechneten mit einem Aufenthalt von wenigen Wochen, vielleicht ein oder zwei Monaten. Doch als kein Ende der Kämpfe abzusehen gewesen war, die Lebensbedingungen in dem überfüllten Flüchtlingslager immer schlechter wurden, die Stimmung unter den Wartenden im Lager gefährlich kippte, entschied die Familie sich, weiter nach Deutschland zu flüchten.

»Ich wollte das damals nicht.« Dahiba seufzt. »Europa war für mich so weit weg. Ich habe mich sehr vor dem, was kommen würde, gefürchtet. Aber Ibrahim hat gesagt, er will nicht, dass seine Kinder in einem Lager groß werden. Er will, dass sie in die Schule gehen und lernen können. Wir sind also losgegangen, alle außer Mohammed, mein Bruder. Er ist nicht mit uns mitgekommen.«

Die dunklen Erinnerungen bahnen sich ihren Weg, Dahibas Augen werden feucht. »Mein Bruder hat zu mir gesagt, er bleibt noch ein bisschen im Libanon und wartet, und wenn es nicht aufhört, dann kommt er später nach.«

Für viel Geld engagierte die Familie einen Schlepper, 1500 Dollar kostete die Reise pro Passagier. Abdullah, den »Reise-Organisator«, wie ihn Dahiba nennt, für den Transport zu finden, war nicht schwer. Sie bekamen seine Handynummer von einem Syrer, der ebenfalls im Libanon gestrandet war. Drei Tage lang drehte Ibrahim den Zettel mit der Nummer in seinen Händen hin und her. Er wusste ganz genau, dass dieser eine Anruf das Schicksal seiner ganzen Familie beeinflussen würde. Und er kannte auch die Geschichten von Menschen, die den Transport durch Schlepper mit ihrem Leben bezahlt hatten. Dennoch entschied er sich dafür, Abdullah zu beauftragen. An einem geheimen Treffpunkt handelte Ibrahim die Geschäftsbedingungen mit ihm aus, zwei Tage später konnte die Reise beginnen.

Abdullah brachte die Familie zunächst nach Aydın in der Türkei. Mehrere Tage dauerte die Reise. Meistens im Schutz der Dunkelheit waren sie in Bussen, auf Pick-up-Trucks und in Pkws unterwegs. Auf Schleichwegen überquerten sie in der Nacht die Grenze und erreichten die Türkei. Völlig erschöpft und müde, wie sich Dahiba erinnert. »Ich war so schwach, ich wollte nicht mehr weiter, ich habe gesagt: ›Dann bleiben wir eben in der Türkei!‹ Aber Ibrahim war sehr bestimmt, er meinte, dass das nicht geht, dass die Türken uns nicht wollen, dass wir weitergehen müssten.«

Von einem anderen syrischen Flüchtling bekamen sie die WhatsApp-Nummer eines Schleppers, der die Weiterreise organisieren konnte.

Ibrahim traf den Mann in einem Café und besprach die Details. Wieder musste er 1500 Dollar für jeden Reisenden bezahlen. Darin inbegriffen war die Überfahrt nach Griechenland, für jeden ein Sandwich und eine halbe Literflasche Wasser, außerdem Rettungswesten.

In einer lauen, sternklaren Nacht brachte der Schlepper die Familie dann in die Küstenstadt Kuşadası, wo das Boot auf die griechische Insel Samos übersetzte.

»Es gab keine hohen Wellen, es war ein Mann dabei, der sehr schön gesungen hat, die Kinder waren ruhig, es ist alles gut gegangen. Wir haben sehr großes Glück gehabt.«

Auch die weiteren Etappen von Samos nach Athen und über die damals noch geöffnete Balkanroute weiter Richtung Deutschland meisterte die Familie ohne größere Zwischenfälle. Ihre erste Station war eine Notunterkunft in einer kleinen Stadt hinter der österreichischen Grenze. Nach der Registrierung wurden die Housouns in eine Gemeinschaftsunterkunft gebracht, dann bekamen sie die Wohnung in dem Mehrfamilienhaus zugeteilt, in der sie jetzt leben.

»Im Vergleich zu anderen haben wir es wirklich gut gehabt«, sagt Dahiba leise. »Ich habe von einigen Leuten viele schreckliche Dinge über die Flucht nach Europa gehört.«

Dass Hadi tagelang unter schweren Magenkrämpfen gelitten hatte und immer dünner geworden war, weil er unterwegs unsauberes Wasser getrunken hatte, dass Atefa nächtelang gequält von Albträumen aufschreckte und Abdullah lange Zeit so aufgedreht gewesen war, dass er keine Minute stillsitzen konnte – all jene Situationen waren für Familie Housoun zwar nicht leicht gewesen, aber sie hatten einander, gemeinsam haben sie allen Widrigkeiten getrotzt.

Die Flucht, Syrien, all das scheint inzwischen weit weg und lange her zu sein. Auf meine Frage, ob sie noch Kontakt nach Syrien hätten, schüttelt Atefa den Kopf.

»Gar nicht«, sagt sie bestimmt. »Mit niemandem.«

An diesem Punkt schickt Dahiba ihre Tochter in die Küche, um noch ein Glas Orangensaft für mich zu holen. Als sich die Tür hinter ihr schließt, schaut mich Dahiba traurig und etwas beschämt an. »Doch«, sagt sie leise, »ich habe noch Kontakt nach Syrien. Zu meinem Bruder Mohammed. Atefa und meine Söhne wissen das nicht. Ich spreche mit meinem Bruder, wenn meine Kinder es nicht hören können.«

Dahiba will nicht, dass die täglichen Telefonate mit Mohammed, die ganzen Sorgen und Ängste, auch noch ihre Kinder belasten. Denn ihr Bruder hat das Lager im Libanon inzwischen verlassen, aber nicht Richtung Europa.

»Er hat es im Lager nicht mehr ausgehalten«, erzählt Dahiba nun. »Immer wieder gab es Kämpfe zwischen den Flüchtlingen, weil dort viele Rebellen waren, aber auch Anhänger von Assad.« Sie beißt sich auf die Lippe. »Mohammed ist zurück nach Syrien gegangen. Ich habe ihn am Telefon angeschrien, gebettelt, habe zu ihm gesagt: ›Mohammed, geh nicht! Du bist verrückt, du kannst nicht zurück in den Krieg nach Syrien gehen. Bitte nicht! Im Libanon bist du wenigstens in Sicherheit.‹ Ich habe geweint, aber Mohammed hat mir gar nicht richtig zugehört. Er hat gesagt: ›Warum soll ich nicht zurückgehen? Ich bin ein Mann, wohin sollen die Männer denn sonst gehen? In die Türkei? Nach Deutschland? Und dann? Was passiert zu Hause, wenn alle weg sind? Nein, wir Männer müssen zurück in unser Land.‹«

Dahiba holt ihr Handy, öffnet eine Fotogalerie. »Guck.«

Voller Stolz zeigt sie mir Bilder von ihrem Bruder, einem sehr gut aussehenden jungen Mann mit auffallend grünen Augen in Rebellenuniform, einer Maschinenpistole auf dem Schoß und einem Patronenband über der Schulter.

Mohammed hatte nach seiner Rückkehr in Syrien eine Frau gefunden und ist Vater von Zwillingen geworden.

»Guck.« Dahiba schluchzt auf. »Schau, wie arm sie leben.« Sie zeigt mir ein Foto, auf dem zwei kleine Jungen zu sehen sind, etwa zwei oder drei Jahre alt.

»Das sind seine Kinder, sie sind zusammen auf die Welt gekommen. Ich habe sie noch nie gesehen. Und vielleicht werde ich sie niemals sehen …«, fügt sie mit zittriger Stimme hinzu.

Dahibas Neffen sitzen vor einer zerstörten Hauswand auf Steinen. Seit der Rückkehr nach Syrien musste sich Mohammed verstecken, lebt ohne Strom und fließendes Wasser, mit wenig Geld und wenig zu essen.

»Alle Menschen sind jetzt arm in Syrien. Das ist doch kein Leben mehr! Aber mein Bruder will dort bleiben. Er will nicht woanders hin.« Dahiba steckt ihr Handy wieder weg. Aus ihrer Tasche ertönt erneut der Ruf des Muezzin. »Ich muss stark sein für meine Kinder, aber … aber einmal habe ich mit Mohammed telefoniert, und dann hörte ich eine Bombe. Sie war so unglaublich laut.« Dahiba hält sich die Hände an die Ohren. »Und dann habe ich viele verschiedene Stimmen gehört: ›Allahu akbar, allahu akbar!‹, haben sie gerufen. Glas splitterte, es hat schrecklich laut gekracht. Ich habe immer wieder ins Telefon gerufen: ›Mohammed, Mohammed, wo bist du?‹ Meine Hände haben gezittert. Und dann habe ich endlich wieder seine Stimme gehört, er hat gelacht und gesagt: ›Was hast du? Kein Problem! Kein Problem, ich bin nicht tot.‹ Ich habe zu ihm gesagt: ›Bist du verrückt? Eine Bombe ist kein Problem?‹ Er hat einfach wieder nur gelacht.«

Atefa kommt zurück ins Wohnzimmer, sie hat nicht nur den Orangensaft mitgebracht, sondern auch ihren kleinen Bruder im Schlepptau, der gerade aus seinem Nachmittagsschlaf erwacht ist.

Der Junge betrachtet mich fragend, klettert auf den Schoß seiner Mutter und schmiegt sich eng an sie.

Atefas Handy klingelt.

»Das ist meine Freundin Viola«, ruft sie mir zu und wechselt ein paar Worte mit dem Mädchen. Atefa hat ausschließlich deutsche Freundinnen.

»Es leben hier keine syrischen Mädchen in meinem Alter. Nur viele syrische Jungs und ältere Frauen. Aber ich verstehe mich sehr gut mit meinen deutschen Freundinnen. Sie sind nett.«

Alle ihre Freundinnen haben sich inzwischen arabische Übersetzungsapps auf die Handys geladen. Für den Fall, dass sich ein unbekanntes Wort einmal nicht mit Händen und Füßen erklären lässt.

Im Kunstunterricht in der Schule lernen sie gerade, die formvollendeten arabischen Schriftzeichen zu malen.

»Das ist sehr leicht für mich«, freut sich Atefa. »Aber sehr schwer für alle anderen. Ich helfe ihnen, wenn sie nicht weiterwissen.«

Ihr Heimatland Syrien spielt in Atefas Leben kaum mehr eine Rolle. Zu den Freundinnen ihrer Kindheit hat sie keinen Kontakt mehr. Sie waren alle noch zu jung, als Familie Housoun aufgebrochen war.

»Ich habe keine Handynummern von ihnen. Ich weiß gar nicht, wo sie sind und wie ich sie finden kann. Vielleicht sind sie auch schon alle weggegangen nach Europa.«

Die Schule will Atefa in Deutschland beenden, dann studieren und am liebsten Ärztin werden. Aus ihrer alten Heimat fehlt ihr nichts. Fast nichts.

»Meine Puppe vermisse ich.« Ganz weit breitet sie ihre Arme aus. »Sie ist sooo groß.«

Atefa spricht von keiner besonderen Puppe, keinem traditionellen syrischen Spielzeug. Ihre Puppe sei einfach nur eine besonders große Puppe gewesen, die man in Deutschland in keinem Laden finden könne.

»Ich habe überall gesucht, aber die Puppen hier sind alle viel kleiner als meine. Sie fehlt mir sehr.« Dass die zurückgelassene Puppe nur etwa halb so groß gewesen ist, wie es Atefa darstellt, verrät mir Dahiba später. Es ist das Heimweh, das den Blick der Tochter trübt und manches in der Erinnerung größer werden lässt, als es tatsächlich war. Und manches besser – auch Dahiba ist davor nicht gefeit.

»Überall sind hier diese Insekten«, beschwert sie sich. »Sssssssss … Ich mag gar nicht mehr rausgehen, immer stechen sie mich. In Syrien ist das nicht so. In Syrien haben wir im Sommer keine Mücken.«

»Doch, wir haben die auch zu Hause«, korrigiert Atefa ihre Mutter streng. »Und vor allem im Sommer waren sie auch bei uns sehr nervig. Das hast du nur vergessen.«

Die Haustür wird geöffnet, Hadi horcht auf, befreit sich von seinem Platz auf dem Schoß seiner Mutter und stürmt zur Tür. Mit dem Nachwuchs auf dem Arm kommt Dahibas Mann Ibrahim ins Wohnzimmer. Der bärtige, hochgewachsene Mann sieht angespannt aus. Trotz seiner Größe wirkt er schmal und zerbrechlich. Er begrüßt mich kurz mit einem Händedruck, dann zieht er sich zurück.

Dahiba blickt ihm besorgt nach. »Ibrahims Arbeit hier ist sehr schwer«, sagt sie zu mir. »Das war zu Hause anders. Jetzt muss er mit großen Maschinen arbeiten, mit einer Maske und viel Staub.«

In Syrien hat Ibrahim als Kunstschreiner gearbeitet, hat Tische, Stühle, Bänke mit edlen Schnitzereien versehen. In Deutschland war er anfangs lange Zeit ohne Arbeit.

»Das war nicht einfach für uns«, erinnert sich Dahiba.

Vor Kurzem jedoch konnte Ibrahim bei einer Firma ganz in der Nähe als Fliesenleger anfangen, nun erneuert er Bodenbelag. Jeden Abend um siebzehn Uhr kommt er nach Hause, freitags und am Wochenende hat er frei.

»Es ist gut, dass mein Mann endlich eine Arbeit gefunden hat«, betont Dahiba. »Das Glück haben nicht alle Flüchtlinge.« Dass Ibrahim oft müde und gereizt ist und viel Zeit mit syrischen Männern in der Nachbarschaft verbringt, dass sie deswegen oft streiten, vertraut Dahiba mir an, als er uns nicht mehr hören kann. Auch, dass er auf einmal angefangen hat zu rauchen. Darum ist sie sehr froh, dass gerade Ramadan ist, denn während des Fastenmonats ist Rauchen tabu.

»Aber das ist alles nicht schlimm, es geht uns hier wirklich sehr gut«, fügt sie schnell hinzu.

»Ich bete immer, dass mein Bruder zu uns nach Deutschland kommt. Als ich Ibrahim das erzählt habe, hat er gesagt : ›Nein, das kannst du vergessen, er kommt nicht. Und es ist auch richtig, dass ein Mann in seinem Land bleibt und kämpft.‹ Manchmal sagt Ibrahim sogar zu mir: ›Wenn meine Familie nicht hier in Deutschland wäre, dann würde ich jetzt auch wieder zurück nach Syrien gehen.‹ Ich schlage ihn dann und sage zu ihm: ›Du bist verrückt, wie mein Bruder, und du bist dumm, bist in Sicherheit und willst zurück in den Krieg?‹ Er sagt dann nur: ›Ein Mann muss für seine Heimat kämpfen. Irgendwann hört der Krieg auf. Jeder Krieg hat ein Ende.‹«

Gedankenverloren wendet sich Dahiba ab und blickt aus dem Fenster. »Ich will nicht mehr zurückgehen«, sagt sie. »Und die Kinder auch nicht.« Sie lächelt ein wenig. »Wir sind verändert worden. Ein kleines bisschen deutsch geworden vielleicht?«

Dahiba ist eine der wenigen Flüchtlinge aus Syrien, die das Gefühl haben, in ihrem Asylland angekommen zu sein. Gerade mal acht Prozent der Syrer, die derzeit in Deutschland leben, möchten auch dauerhaft in der Bundesrepublik bleiben. Das hat die syrisch-deutsche Initiative Adopt a Revolution in einer Befragung in Kooperation mit The Syria Campaign und Forschern des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) herausgefunden. Eine Mehrheit von 52 Prozent würde in die Heimat zurückgehen, wenn Baschar al-Assad nicht mehr an der Macht wäre. Insgesamt wurden fast neunhundert in Deutschland lebende Syrer und Syrerinnen befragt.

»Während in der deutschen Öffentlichkeit die zweifelsohne schrecklichen Verbrechen des Islamischen Staates im Vordergrund stehen, sind es de facto die Fassbomben und die Gewalt des Assad-Regimes, die den Großteil der Menschen zur Flucht zwingen«, weiß Elias Perabo, Mitgründer von Adopt a Revolution. Eine Flugverbotszone würde nach Ansicht von rund 58 Prozent der Befragten verhindern, dass weiterhin so viele Menschen aus dem Bürgerkriegsland fliehen, dicht gefolgt von 38 Prozent, die einen Stopp der Waffenlieferungen an alle Beteiligten des Krieges als eine Möglichkeit sehen, die große Fluchtbewegung zu reduzieren.

Erneut meldet sich der Muezzin auf Dahibas Handy. Ich stehe auf, will sie nicht länger aufhalten.

Auch Dahiba erhebt sich, nimmt meine Hand. »Warte, komm mit.« Voller Stolz will sie mir noch den Rest der Wohnung zeigen, bevor ich gehe.

Sie ist mithilfe von vielen Spenden eingerichtet – angeschlagene Möbel aus Möbelhäusern, Ware zweiter Wahl aus Einrichtungsläden, Geschirr und Kochtöpfe – alles wurde von freiwilligen Helfern zusammengesammelt. Es gibt viel Nützliches, aber auch so einige Dinge, die Dahiba niemals benutzen wird – wie zum Beispiel den Spargelschäler, die Parmesanreibe, die Glaskaraffe für Rotwein.

»Es ist sehr lieb von den Menschen, dass wir das alles bekommen haben, aber so etwas brauche ich nicht in der Küche.« Dahiba kocht syrisch, und das will sie auch beibehalten.

Sie führt mich ins Kinderzimmer, dort stehen ein Stockbett und ein Einzelbett, der jüngste Sohn schläft im Bett der Eltern. In der Ecke hinter der Tür lagern vier überdimensional große neue Koffer. Dahiba erahnt meine Frage, noch ehe ich sie ausgesprochen habe.

»Wer weiß, vielleicht müssen wir bald wieder weggehen … Niemand weiß das«, kommentiert sie das allzeit bereitstehende Reisegepäck.

Die Housouns sind in Sicherheit, sie sind angekommen, angenommen, integriert. Und dennoch ist der Fluchtgedanke etwas für sie geworden, das stetig über ihnen schwebt wie ein Damoklesschwert. Für das Undenkbare, das sich schon einmal mit kaltblütiger Gewalt in ihre Leben gedrängt hatte, wollen sie ein zweites Mal vorbereitet sein.

Dahiba sieht mich an. »Vor zehn Jahren war mein Leben in Syrien so sicher wie deines hier. Ich hatte viele Pläne für meine Kinder, für unsere ganze Familie. Du sagst mir, dass wir in Deutschland sicher sind. Das stimmt im Augenblick, aber weißt du, was in zehn Jahren sein wird? Wie schlecht viele Menschen schon jetzt hier über uns sprechen, macht mir große Angst. Was ist, wenn es immer mehr werden und wenn sie irgendwann gewinnen?« Sicherheit und Beständigkeit sind für die Syrerin Konstrukte geworden, an die sie nicht mehr so richtig glauben kann.

Gedankenverloren rückt Dahiba die blütenweiße Gardine am Fenster zurecht. Dabei fällt ihr Blick auf eine Frau auf der Straße.

»Schau mal, das ist Aysche. Sie kommt wie wir aus Syrien und ist mit ihrer Familie gerade neu angekommen. Sie kennt sich noch gar nicht aus. Ich treffe sie oft, bringe ihr das bei, was ich bei meiner Lehrerin Julia lerne. Und ich helfe ihr auch bei anderen Sachen, zeige ihr, wo der Supermarkt ist und die Apotheke und wo sie einkaufen kann. Ich weiß noch sehr gut, wie sich das anfühlt, wenn alles fremd ist, die Menschen, die Straßen, der Geschmack des Essens, der Geruch, der in der Luft liegt … Es ist schwer, immer stark zu sein für seine Kinder.«

Wenn ihr Jüngster einen Kindergartenplatz bekommen hat, möchte Dahiba nicht nur ihr Deutsch verbessern. Ihr Traum ist es, in einem Kindergarten zu arbeiten. »Ich möchte den Menschen das zurückgeben, was meine Familie hier in Deutschland von ihnen bekommen hat«, sagt sie.

Doch nun wird bald erst einmal das Zuckerfest gefeiert und für das große Festmahl zum Ende des Ramadan gibt es noch sehr viel zu tun. Vorher aber schallt noch einmal der Ruf des Muezzin aus Dahibas Handy.

 

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Im neuen Buch „Beyond Survival“ kannst du Alis ganze Geschichte nachlesen!

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